Unterstützte Kommunikation (UK)
Zusammenfassung  Sebastian Rothe (2000)

 1. Begriffsklärung

Unter dem seit 1992 etablierten Oberbegriff "Unterstützte Kommunikation" werden "alle pädagogischen bzw. therapeutischen Maßnahmen, die eine Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten bei Menschen ohne Lautsprache bezwecken" (Kristen 1994b,15) subsumiert. Hieran wird schon deutlich, wie weitreichend und heterogen die Zielgruppe ist.

2. Zielgruppe

Zielgruppe sind alle Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen, die zwar ein ihrem Entwicklungsstand gemäßes Sprachverständnis besitzen, aber aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Behinderung so stark eingeschränkt sind, daß sie vorübergehend oder dauerhaft

  • kaum,
  • gar nicht,
  • nur einem vertrauten Personenkreis
  • gegenüber oder
  • nur unter günstigen Umständen

lautsprachlich kommunizieren können (Kristen, unveröffentlichte Seminarblätter). Zudem erschweren motorische Beeinträchtigungen bei vielen Betroffenen die nonverbalen Kommunikationsmöglichkeiten, so daß sie sich zusammenfassend also "mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten nicht zufriedenstellend ausdrücken können" (Kristen 1994b,15). Da in diese Zielgruppe auch oft Menschen mit Behinderungsformen wie z.B. Cerebralparesen oder geistige Behinderung fallen, sind Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation auch in der Frühförderung, bzw. in der schulischen Förderung unerläßlich.

Dabei können nach Kristen (1994b,15) Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation:

  • als ständige Hilfe nötig sein, z.B. bei Dysarthrie,
  • als vorübergehende Hilfe z.B. bei
  • Schädel-Hirn-Trauma oder
  • als Hilfe zum Spracherwerb eingesetzt werden.

3. Grundlegende Positionen Unterstützter Kommunikation

In der Umsetzung des Konzepts der Unterstützten Kommunikation ist in den letzten Jahren eine Veränderung in der Beurteilung der Voraussetzungen auf Seiten der nichtsprechenden Personen in der Weise feststellbar, daß nicht mehr die Erreichung einer bestimmten Entwicklungsstufe (Objektpermanenz, Ursache-Wirkungswissen, Symbolverständnis) als Voraussetzung angesehen wird, "sondern alleine die Tatsache, daß ein Mensch atmet, kann den Einsatz von therapeutischen Maßnahmen von Unterstützter Kommunikation rechtfertigen" (Kristen 1994 b, 20).


Ein Anliegen ist es, durch das Konzept der Unterstützten Kommunikation "nichtsprechenden Menschen und ihren Bezugspersonen so früh wie möglich zu erfolgreichen Kommunikationssituationen zu verhelfen. Dabei wird die Lautsprache keineswegs ausgeklammert, jedoch bei Bedarf durch Kommunikationshilfen, -techniken und Strategien ergänzt" (Kristen 1995 a, 39). Gerade diese Ergänzungen sind wichtig, da trotz intensiver Sprachtherapie bei vielen nichtsprechenden Menschen oftmals nur sehr geringe Verbesserungen der Lautsprache, und damit ein Verbesserung der kommunikativen Kompetenz, erreicht wurden.


Im Mittelpunkt der Unterstützten Kommunikation steht also die Förderung der kommunikativen Fähigkeiten. Dabei vertritt die Unterstützte Kommunikation den Ansatz der totalen Kommunikation, d.h. "sämtliche Möglichkeiten, einem Menschen ein umfassendes Kommunikationssystem bereitzustellen, sollen ausgeschöpft werden" (Braun 1994 a, 4). Ein maßgebliches Kriterium für die Entwicklung eines solchen Kommunikationssystems liegt somit in der Effektivität für den/ die BenutzerIn. Daher muß mit jedem Menschen ein individuelles, bedürfnisorientiertes Kommunikationssystem gefunden werden. Daß sich ein solches Kommunikationssystem mosaikartig aus vielen, z.T. unüblichen, Kommunikationsformen zusammensetzt, liegt auf der Hand. In der Fachsprache wird ein solches Kommunikationssystem "Multimodales Kommunikationssystem" genannt. Nach Kristen (1994 b, 17) sollen in diesem folgende Ausdrucksmöglichkeiten eines Menschen bewußt berücksichtigt werden:

  • Blickbewegung,
  • Mimik,
  • Laute, Lautsprache,
  • Gestik,
  • Körperhaltung, Körperbewegung,
  • Gebärden,
  • nicht-elektronische Hilfe,
  • elektronische Hilfe,
  • Schriftsprache.

Um ein effektiv, individuell zugeschnittenes Kommunikationssystem zu entwickeln, ist eine diagnostische Abklärung, eine sorgfältige Planung und Dokumentation unerläßlich. Hierfür ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der beteiligten Berufsgruppen (z.B. LehrerInnen, ErzieherInnen, ErgotherapeutInnen, KrankengymnastInnen,...) genauso erforderlich, wie ein guter Kontakt zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen.

Des weiteren stellt "die Information der Gesprächspartner über die Struktur wirksamer und zufriedenstellender Kommunikation, über die Entwicklung von Kommunikation und über den Einfluß des eigenen Verhaltens auf den Verlauf der Interaktion" (Kristen 1995a, 49) eine weitere wichtige Maßnahme dar. Denn gerade das Wissen über die Probleme bei der Kommunikationsentwicklung, sowie eine offene Haltung, Einstellung und Erwartungshaltung der GesprächspartnerInnen hat einerseits einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der Kommunikation bei nichtsprechenden Menschen, und andererseits wirkt die offene Haltung und veränderte Einstellung der Gefahr entgegen, durch bloßes starres Durchführen der Maßnahmen "blind" zu werden für ungewöhnliche Kommunikationsformen. Nicht zuletzt ist es notwendig, den nichtsprechenden Personen Strategien zu zeigen, mit denen sie zum Beispiel Aufmerksamkeit erhalten können oder ein Gesprächsthema auswählen und steuern können.

Das Ziel Unterstützter Kommunikation ist es also, nichtsprechende Menschen aus ihrer kommunikativen Not zu befreien (Braun 1992). Dabei reicht es nicht, mit ihnen nur Kommunikationshilfen zu erarbeiten, sondern es ist für diese Menschen genauso wichtig, daß man ihnen aufrichtig, wertschätzend und mit einfühlendem Verstehen und Empathie (Rogers) gegenübertritt, damit sie die Erfahrung machen, daß sie und ihre Themen oder Mitteilungen ernst genommen werden. Sie erleben sich so als kompetente GesprächspartnerInnen. Gerade dadurch werden Frustrationserlebnisse abgebaut und die Motivation zu neuen Aktionen erhöht sich.

4. Gestützte Kommunikation als Teilbereich der Unterstützten Kommunikation

Die Gestützte Kommunikation (im Englischen wird dieses Feld mit "Facilitated Communication" bezeichnet) ist ein Teilgebiet der Unterstützten Kommunikation und hat daher auch die gleiche grundlegende Zielsetzung. Lediglich durch die Art der Ausführung und die hauptsächlich angesprochene Zielgruppe ist eine Abgrenzung zur Unterstützten Kommunikation möglich. Diese Methode wurde in Australien von der Pädagogin Rosemary Crossley ursprünglich für körperbehinderte Menschen entwickelt und von Dr. Douglas Bilken, Professor für Sonderpädagogik im Bundesstaat New York, auf Autisten übertragen und großflächig bekanntgemacht. Auch in Deutschland ist die Gestützte Kommunikation in den letzten Jahren v. a. in der Autismus-Forschung immer mehr in den Blickpunkt geraten. Aufgrund der Tatsache, daß diese Methode wissenschaftlich schwer erklärbar und nachprüfbar ist, ist sie nicht unumstritten und wird heftig diskutiert. Nach Kristen (1995a, 38) handelt es sich bei der Gestützten Kommunikation also um eine Methode, "die Menschen, die kaum oder gar nicht sprechen können, dadurch Kommunikation ermöglicht, daß man sie beim Schreiben, Tippen oder Zeigen auf Buchstaben oder Bilder an Hand, Arm, Ellenbogen oder Schulter berührt bzw. stützt".

Die Funktion der Stütze ist dabei

physisch psychisch
Isolation des Zeigefingers     Ermutigung
Initiierung einer Bewegung  Emotionale Sicherheit durch Nähe
Bremsen einer überschießenden Bewegung  
Ausgleich einer Schwäche   
Kinästhetische Rückmeldung         

5. Grenzen der Unterstützten Kommunikation

Trotz der Maßnahmen der Unterstützten Kommunikation stößt man jedoch immer wieder an Grenzen. So können die Bezugspersonen einfach nicht immer alles verstehen, was die nichtsprechende Person ausdrücken möchte. Auch die nichtsprechende Person ist nicht immer in der Lage, durch ihr individuelles Kommunikationssystem alle ihre Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse auszudrücken. So kommt es trotz allem immer wieder zu Mißverständnissen. "Es ist ein Teil von Unterstützter Kommunikation, daß beide Gesprächspartner lernen, mit diesen Mißverständnissen, Kommunikationsabbrüchen und Fehlinterpretationen umzugehen" (Kristen 1994 a, 15).

6. Bedeutung und Ausblick für die schulische Arbeit mit nicht- oder kaumsprechenden Kindern

Da viele Kinder mit einer geistigen oder einer Mehrfachbehinderung nur eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten entwickeln konnten, mit denen sie ihre Gefühle, Bedürfnisse und Erfahrungen der Umwelt eindeutig und für beide Seiten befriedigend mitteilen können, "ist es nötig, für diese Kinder individuelle alternative Kommunikationssysteme zu entwickeln" (Kristen 1993, 270). Dabei ist die Auswahl eines alternativen Kommunikationssystems "abhängig von dem Kommunikationsbedürfnis, den motorischen Möglichkeiten und dem kognitiven Niveau des Kindes" (Kristen 1993,270). Neben dem Ansatz der Unterstützten Kommunikation sind verschiedene andere Ansätze möglich und sinnvoll, z.B.:

  • sensorisch orientierte Ansätze, z.B. Basale Stimulation nach Fröhlich, Streichelmassage in Anlehnung an Leboyer, Dehnungsmassage nach Fikar
  • körperdialogisch orientierte Ansätze, z.B. Basale Kommunikation nach Mall.

Es steht außer Frage, daß das Konzept der Unterstützten Kommunikation für viele nicht- oder kaumsprechende Kinder eine Erweiterung ihrer kommunikativen Fähigkeiten darstellen kann. Da dieser Teilbereich der Sonderpädagogik in Deutschland jedoch noch relativ jung ist, gilt es noch viele Probleme zu lösen, u.a.:

  • die einheitliche Einbindung dieses Themenbereiches in die Lehrpläne,
  • LehrerInnenausbildung, bzw. Fortbildung,
  • Forschung im Bereich der Interaktionsanalyse,
  • Konzepte, die eine Zusammenarbeit aller Berufsgruppen regeln.

Literatur: Adam,H. (1985), Braun, U. (1994a,1994b,1994c), Kane,G. (1992), Kristen,U. (1992a, 1992b, 1993, 1994a,1994b)